Wundes Herz

von Ute Jaguttis


Trauer ist die tiefste Schlucht
und sie raubt mir meine Sinne.
Weder Unterschlupf noch Flucht
helfen, dass ich ihr entrinne.

Weder führt ein Höhenweg,
eine wackelige Brücke,
noch der allerschmalste Steg
über diese schwarze Lücke.

Und ich laufe hin und her,
kann mich nicht der Angst erwehren;
denn es funktioniert nicht mehr,
jenes Tief zu überqueren.

Langsam rutsche ich hinab,
schlitze mich an scharfen Rändern,
überlebe äußerst knapp,
nur um etwas zu verändern.

Doch die mir bekannte Kraft
waltet kaum noch ausgewogen.
Alle Muskeln sind erschlafft,
meine Speicher leergesogen.

Mühsam durch die Dunkelheit
taste ich mich immer weiter;
ohne, dass mich wer befreit,
ohne einen Wegbegleiter.

Nichts, was mein Gemüt erhellt;
so, als müsste ich die Plagen
aller Menschen dieser Welt
schwer auf meinen Schultern tragen.

Echoloses Drumherum.
„Steter Tropfen höhlt die Steine“,
denke ich und bleibe stumm,
wenn ich lauthals um dich weine.

Allverzweifelt, Stund um Stund’,
will ich mich nach oben hieven.
Wo, auf bodenlosem Grund,
gibt es neue Perspektiven?

Links und rechts nur steile Wand.
Trauer wächst und Hoffnung schwindet,
weil ich keine Brücke fand,
die mein wundes Herz verbindet.


© Ute Jaguttis
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