Es begann mit einer Schultüte
Im Jahr 1995 erklärte die UNESCO den 23. April zum „Welttag des Buches“. An diesem Tag organisieren bis heute Buchhandlungen und Bibliotheken viele Veranstaltungen rund um das Buch. Der geschichtliche Hintergrund ist der katalanische Brauch, zum Namenstag des Volksheiligen St. Georg Rosen und Bücher zu verschenken.
Vor vielen Jahren bekam ich zum Welttag des Buches von einem lieben Freund ein ganz besonderes Buch geschenkt. Mit über vierzig Jahren musste ich wegen einer Umschulung noch einmal die Schulbank drücken. Deshalb packte mein Freund dieses Buch in eine Schultüte. Diese Schultüte war aber mal gerade fünfzehn Zentimeter groß. Darin steckte mein erstes Minibuch. Das Büchlein war drei Zentimeter groß und beinhaltete das Lied der Pariser Commune „Die Internationale“ von 1871 in verschiedenen Sprachen. Auf die Seite mit dem Innentitel hatte mein Freund tatsächlich eine Widmung geschrieben. Das Besondere war, dass man den Text tatsächlich lesen konnte.

So ein kleines Buch hatte ich noch nie zuvor gesehen. Es faszinierte mich so sehr, dass ich versuchte, mehr über Miniaturbücher herauszufinden. Tatsächlich fand ich in Antiquariaten und auf Flohmärkten diese kleinen Bücher. Es gab viele Titel mit politischem Inhalt aus der ehemaligen DDR. Dort wurden sie als Geschenke für Staatsgäste hergestellt. In Buchhandlungen gab es sie nicht zu kaufen. Die Büchlein waren zum Teil in Leder gebunden und hatten auch mal eine Prägung und einen Schnitt aus Gold.
Meine Sammelleidenschaft war erwacht. Nach und nach wuchs mein Bestand. Die ungewöhnlich gestalteten Bücher interessierten mich ganz besonders. Heute umfasst meine Sammlung rund vierhundert kleine Kunstwerke. Keines davon ist größer als zehn Zentimeter. Meine ältesten Titel „Das Seelengärtlein“ mit Gebeten aus dem Mittelalter und ein Palmblattbüchlein wurden im 19. Jahrhundert hergestellt. Das Palmblattbüchlein enthält Aufzeichnungen in Sanskrit und feine Zeichnungen, die mit einem spitzen Gegenstand in das getrocknete Blatt geritzt und mit Asche oder Kohle gefärbt wurden.
Auch auf meinen Reisen entdeckte ich irgendwann die Miniaturbücher. Ein Buch aus der Rinde des Maulbeerbaumes mit kleinen Zeichnungen und einem Verschluss aus Muscheln hat den weiten Weg von der Osterinsel zu mir nach Hause geschafft. Mein weinrotes Leporello mit dem Titel „Sakura – Kirschblüte“ liebe ich sehr. Auf rosa Papier ist hier ein japanisches Volkslied über die Kirschblütenzeit in Deutsch und Japanisch gedruckt. Als Verschluss dient eine pinkfarbene Metallblüte, um die ein Band gewickelt wird. Aus der Tangostadt Buenos Aires stammt ein Miniaturbuch in Form eines Bandoneons. Es enthält einen Stadtführer mit vielen Farbfotos.
Ich könnte noch viel mehr meiner Schätze beschreiben. In meiner Sammlung gibt es inzwischen auch kuriose Stücke, wie z. B. „Das Knopfbuch“, in Form eines Knopfes, „Eis am Stiel“, ein Buch wie ein Eis, „Beißende Aphorismen“, in Form eines Zahnes, „Absacker“, in einen Weinkorken eingearbeitet, „Analog und digital“, in einer Filmrolle versteckt, oder die „Leseretten“, Textrollen in einer Zigarettenschachtel.
Mit meiner Sammellust bekomme ich langsam ein Platzproblem. Ich darf gar nicht daran denken, was aus meiner Sammlung wird, wenn ich bald in eine kleinere Wohnung ziehe.
