Narzissas Tag

von Liza Katáeva


Man könnte meinen, sie empfängt Besuch:
Kaum fünf Minuten kann sie sitzenbleiben.
Mal springt sie auf und möchte etwas schreiben,
Dann läuft sie zum Regal und sucht ein Buch.

Sie kreist und tanzt durch ihren kleinen Raum
Bis in die Nacht, solang ihr Lichter dienen.
Dann steht sie auf und schließt die Samtgardinen
Und glättet den geknickten Vorhangsaum.

Doch alles dies ist nur ein Vorwand, um
Noch einmal an dem Schrank vorbeizugehen,
Der ihr den Schlaf und ihre Ruhe nimmt.

Denn gerade war der Spiegelschrank noch stumm,
Jetzt sieht sie einen Geist im Innern stehen
Und manchmal schaut daraus ein kleines Kind …


© Liza Katáeva
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